Neuer Standard für Thermografie-Lehrgänge: im Bild v.l. Johan Pöppl, Manfred Nöttling, Heiko Betz und Rainer Dick. Bild: HWK.
Neuer Standard für Thermografie-Lehrgänge: im Bild v.l. Johan Pöppl, Manfred Nöttling, Heiko Betz und Rainer Dick. Bild: HWK.

Fehlerhafte Thermografie kann teuer werden

Thermografie, das haben die meisten schon gehört. Das sind die bunten Bilder die von Häusern mit einer Wärmebildkamera gemacht werden. Anhand der Farben sieht man dann, wo die größten Wärmeverluste am Haus sind. Und man weiß dann auch gleich, was man am Haus reparieren oder modernisieren muss.

Weit gefehlt, so Johann Pöppl, Regionalleiter des Schulungszentrums München der Deutschen Gesellschaft für zerstörungsfreie Prüfung (DGZfP) bei seinem Besuch am 30. Januar in Bayreuth. Thermografiekameras sind hochempfindliche Temperatur-Messgeräte, deren Bilder, sog. Thermogramme – von Fachmännern aufgenommen und ausgewertet werden müssen. Äußere Randbedingungen (Sonnen-/Windexposition, Wetter, Objekt, Objektform etc.), aber auch technische Parameter wie Temperaturunterschiede, materialspezifischer Wärmeabstrahl-Kennwerte (Emissionsgrade) oder thermische Spiegelungen (Reflexionen) an glatten Oberflächen etc. müssen berücksichtigt werden. Deshalb sind Kenntnisse aus den Bereichen Optik, Wärmestrahlung, Wärmeleitung, Materialkunde, Bauphysik und auch der Elektrotechnik unerlässlich.

Johann Pöppl: Bereits kleine Fehler bei der Anwendung der Thermografie können zu gravierenden Falschaussagen führen. Im schlimmsten Fall werden dann Bauteile unnötig saniert oder erneuert, was mit erheblichen Kosten verbunden sein kann. Die Ernüchterung folgt oft erst Jahre später, wenn die erwarteten Energieeinsparungen nicht erreicht werden. Daher gehört die Thermografie in die Hände ausgebildeter und erfahrener Fachleute. Die Thermografie-Lehrgänge der Deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung vermitteln das nötige Rüstzeug und richten sich nach den strengen Vorgaben international gültiger Standards (DIN EN ISO 9712). Übrigens gibt es diese Lehrgänge nicht nur für den Bausektor, auch in der Elektrotechnik werden thermografische Verfahren zur Fehlersuche und zur vorbeugenden Instandhaltung zunehmend eingesetzt.

Elektrotechnikermeister Heiko Betz und Zimmerermeister Rainer Dick von der Handwerkskammer haben die Lehrgänge (Stufe 1 und 2) in München bereits durchlaufen, der eine im Bereich Elektrotechnik, der andere im Bereich Bau. Damit ist die Grundlage für die Durchführung der Thermografie- Lehrgänge in Oberfranken.

Heiko Betz kennt leider genügend Fälle bei denen die unsachgemäße Ausführung der Thermografie zu Fehlinvestitionen geführt hat. Wird beispielsweise von einer Energieverteilung ein Wärmebild aufgenommen, kann es vorkommen, dass an einem bestimmten Bauteil nur ein kleiner Temperaturunterschied festgestellt wird. Für einen Laien scheint alles in Ordnung, nur kann es sein, dass im Moment der Thermografie das Bauteil nur wenig belastet war, im Regelfall aber eine Belastung von z.B. 100 Ampere hat. Bevor man eine Aussage treffen kann, muss man den Temperaturunterschied auf Nennlast hochrechnen und die wenigen Kelvin Differenz können in Wirklichkeit höchste Brandgefahr bedeuten. Umgekehrt wissen viele nicht, dass an manchen Bauteilen eines Schaltschranks Temperaturen von bis zu 100 Grad normal sein können. Ich kenne einige Unternehmen, die deswegen Bauteile ausgewechselt haben und Tausende von EURO dafür ausgegeben haben, und zwar umsonst.

Genauso ist es im Baubereich, so Rainer Dick. „Ein klassisches Beispiel ist die falsche Einstellung des Spans (Temperaturgrenzen) an der Kamera, der aus einer „Energieschleuder“ ein „Energiesparhaus“ und umgekehrt erzeugen kann. Bekanntlich denkt der Mensch bei Temperaturen in Farben – Rot gleich heiß – Blau gleich kalt. Gerade bei so schwierigen Messaufgaben wie der Fassadenthermografie müssen die Randbedingungen und vor allem auch der baukonstruktive Aufbau der Fassade bekannt sein. Werden beispielweise Thermografieaufnahmen bei einer hinterlüfteten Fassade durchgeführt, erscheint die Fassade aufgrund der gleichen Temperatur hinter den vorgehängten Fassadenelementen zur Umgebungsluft kühl. Rein nach der blauen Farbe auf dem Bildschirm der Kamera betrachtet, wirkt sie hervorragend gedämmt. Ein riesiger Irrtum, wenn man die Baukonstruktion nicht kennt und nur vom Thermogramm ausgeht. In solchen Fällen muss die Thermografie aufgabenbezogen durch andere objektspezifische Messverfahren (Feuchtigkeits-, Differenzdruck- Messung etc.) ergänzt werden.

Deswegen, so Manfred Nöttling, Leiter der Schulungszentren der Handwerkskammer, kooperieren wir ab sofort im Bereich Thermografie mit dem Ausbildungszentrum der Deutschen Gesellschaft für zerstörungsfreie Prüfung in München(DGZfP). Das Ausbildungssystem der DGZfP garantiert durch deren intensive Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten, Herstellern und Anwendern eine einzigartige Aktualität und Praxisnähe. „Ziel der Kooperation ist es, in Oberfranken hochwertige Lehrgänge im Bereich Thermografie anzubieten. Der erste Lehrgang startet am 22. April. Wir sind gerade dabei, das Thema Thermografie auch in die Lehrgangskonzepte unserer Meistervorbereitung zu integrieren.“

Von den insgesamt drei Qualifikations- Stufen nach DIN EN ISO 9712, die man absolvieren kann, sind insbesondere Stufe 1 und Stufe 2 für den Praktiker von Bedeutung. Stufe 1 heißt, man ist in der Lage, Thermografieaufnahmen unter Beachtung aller Parameter und Umgebungsbedingungen sachgemäß zu erstellen. Stufe 2 heißt, man ist darüber hinaus in der Lage, die Aufnahmen korrekt auszuwerten und die richtigen Handlungsempfehlungen abzuleiten. In der Stufe 2 werden deswegen auch Fachkenntnisse über das thermografische Verhalten von Baustoffen bzw. Fachwissen aus dem Bereich Elektrotechnik vermittelt.