Neues ProjektFrauen im Handwerk sichtbar machen
Bayreuth/Oberfranken. Frauen sind im Handwerk keine Ausnahme mehr, inzwischen ist jede fünfte Auszubildende in Oberfranken weiblich. Dennoch stehen sie noch immer vor besonderen Hürden und Herausforderungen. Mit dem Projekt „Frauen im Handwerk“ setzt die Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken ein klares Signal für mehr Sichtbarkeit, mehr Vorbilder und bessere Rahmenbedingungen für Frauen im Handwerk. Gestartet wird das Projekt im April mit einem Themenmonat. Mit diesem stellt die Handwerkskammer eine Zielgruppe ins Zentrum, die für die Zukunftsfähigkeit des Handwerks eine entscheidende Rolle spielen kann.
Eine aktuelle Umfrage der Handwerkskammer zeigt: Während fast ein Drittel der weiblichen Auszubildenden im Handwerk den Meistertitel anstrebt, fühlen sie sich im Vergleich zu ihren Kollegen fast viermal häufiger nicht ernstgenommen. Wiederum fast jede Zweite denkt sogar darüber nach, ihre Ausbildung oder berufliche Laufbahn abzubrechen. „Wenn wir Frauen als potenzielle Fachkräfte und Mitarbeiterinnen nicht in Betracht ziehen oder nicht ernst nehmen, verspielen wir im Handwerk ein großes Potenzial“, ist der Hauptgeschäftsführer der HWK, Reinhard Bauer, überzeugt. „50 Prozent der Bevölkerung ist weiblich. Gerade daher sehen Forschende viele Möglichkeiten, durch Frauen den bestehenden Fachkräftebedarf im Handwerk zu verkleinern.“ Daher sei es auch für das Handwerk entscheidend, mehr Frauen auszubilden, zu qualifizieren und langfristig zu binden.
Hindernisse dafür liegen oft in den Strukturen – und im Handwerk selbst. „Unsere Umfrage zeigt, dass zum Beispiel neben starren Arbeitszeitmodellen
vor allem fehlende Wertschätzung eine große Rolle bei Abbrüchen oder Wechseln spielt,“ zitiert Bauer aus den Ergebnissen der Umfrage zu Frauen im oberfränkischen Handwerk . Außerdem fehlen Mädchen und jungen Frauen weibliche Vorbilder. „Hier schließt sich ein Kreis: Weil Vorbilder fehlen, gehen junge Frauen nicht ins Handwerk und werden selbst nicht zu den Vorbildern, die die Jüngeren so dringend bräuchten.“ Daher wird der Themenmonat, den die HWK im April vor allem auf ihrem Instagram-Kanal (@hwkoberfranken) gestaltet, neben Fakten vor allem starke Frauen im Handwerk zeigen, die ihre individuellen Wege ins Handwerk und ihre Berufsperspektiven sichtbar machen. So stehen etwa Lotta Trunk, angehende Brauerin, sowie die beiden Goldschmiede-Auszubildenden Sarah Mergner und Lena Findeiß aus Hof beispielhaft für den Einstieg in die Branche. Die angehende Mechatronikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Kathrin Adam, wechselte vom Film ins Handwerk, während Schreinerin Bianca Krauss nach einer Familienpause bewusst in ihren Beruf zurückkehrt und aktuell die Meisterschule besucht.
Mut zur Selbstständigkeit beweist Franziska Heinl. Die Steinmetzmeisterin gründete 2024 ihren eigenen Betrieb in Thiersheim und führt diesen heute erfolgreich als Ein-Frau-Unternehmen. Für innovative Konzepte steht Alexandra Bednarek aus Münchberg. Mit ihrem „Omlaax“ verbindet sie das Friseurhandwerk mit Café-, Bar- und Eventkonzepten und schafft damit neue Arbeits- und Begegnungsräume. Tradition, Zukunft und Familie vereinen schließlich Luisa und Julia Wiesneth, die als „Mühlenschwestern“ ihre Mühle in elfter Generation führen und zeigen, wie sich familiäre Werte und moderne Ideen im Handwerk verbinden lassen.
Umfrage zeigt klaren Handlungsbedarf
Die HWK-Umfrage, die sie in den eigenen Bildungszentren und in den Berufsschulen durchgeführt hat, macht deutlich, dass auf weibliche Nachwuchskräfte im Handwerk noch weitere strukturelle Herausforderungen warten. Neben fehlender Wertschätzung werden insbesondere ungenügende Aufstiegsperspektiven und Unsicherheiten in der beruflichen Entwicklung als Hürden genannt.
Die Ergebnisse aus der Umfrage der HWK im Überblick
Aus der Umfrage ergibt sich folgende Bestandsaufnahme zur Situation von Frauen im oberfränkischen Handwerk:
- In Oberfranken ist fast jede fünfte Person in Ausbildung weiblich (18,6%). Der Anteil bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen lag im Jahr 2025 mit 19,2 % sogar etwas höher.
- 45,5 % der weiblichen Auszubildenden denken aufgrund struktureller Hürden über einen Abbruch nach (Männer: 23,2%).
- 36,4 % der Frauen würden ihren handwerklichen Ausbildungsplatz nicht erneut wählen (Männer: 21,9%).
- Frauen fühlen sich viermal häufiger als ihre Kollegen nicht ernst genommen.
Gleichzeitig wurden im Rahmen der Umfrage aber auch Potentiale identifiziert:
- 49,2 % der Frauen im Handwerk wollen sich beruflich weiterbilden.
- 30,2 % sind sicher entschlossen, den Meisterbrief zu machen.
- Rund 37 % der Frauen können sich eine Selbstständigkeit vorstellen.
Genau hier setzt die Kampagne an: Durch authentische Einblicke, persönliche Geschichten und gezielte Ansprachen sollen Frauen im Handwerk sichtbarer gemacht und neue Perspektiven aufgezeigt werden. Ziel ist es, insbesondere junge Frauen für handwerkliche Berufe zu begeistern und gleichzeitig Betriebe für die Potenziale weiblicher Fachkräfte zu sensibilisieren.
Podiumsdiskussion zum Abschluss
Den Abschluss des Themenmonats zum Projekt „Frauen im Handwerk“ bildete eine Podiumsdiskussion am Dienstag, 28. April 2026, im Schlössla in Kulmbach. Dort wurden die Umfrageergebnisse gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Handwerk und Wirtschaft diskutiert.
Folgende Teilnehmerinnen bildeten das Panel:
- Susanne Oppermann: Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA), Agentur für Arbeit
- Tanja Wölfel: Schreinermeisterin und erfahrene Ausbilderin aus der Praxis
- Corinna Lange: Team Ausbildungsberatung der HWK für Oberfranken, Raumausstattermeisterin, staatlich geprüfte Requisiteurin
Zudem präsentierte die Kammer dabei die im Rahmen der Kampagne entstandenen Videoporträts der Handwerkerinnen.
Handlungsempfehlungen für Betriebe
Als Ergebnisse aus der Umfrage sowie der Podiumsdiskussion zeigt die HWK Strategien für Betriebe auf, wie sie mehr Frauen für das Handwerk gewinnen sowie die Arbeitsbedingungen für Handwerkerinnen verbessern können.
- Frauen im Betrieb aktiv nach außen sichtbar präsentieren (Website, Social Media, Öffentlichkeitsarbeit)
- Weibliche Auszubildende, Gesellinnen und Meisterinnen gezielt in den Mittelpunkt stellen
- Erfolgsgeschichten von Frauen im Betrieb erzählen und kommunizieren
Sichtbarkeit schafft Identifikation - besonders für junge Frauen.
- Offene, wertschätzende Kommunikation im Team fördern
- Diskriminierungsfreie und respektvolle Arbeitsatmosphäre aktiv leben
- Frauen als gleichwertige Fachkräfte wahrnehmen und einbinden
Eine starke Betriebskultur ist die Grundlage für langfristige Bindung.
- Entwicklungsmöglichkeiten (z.B. Meisterschule, Spezialisierung, Führung) transparent machen
- Frauen gezielt bei Weiterbildungen unterstützen
- Perspektiven klar kommunizieren
Wer Perspektiven zeigt, hält Fachkräfte im Betrieb.
- Kooperationen mit Schulen, Bildungseinrichtungen und Netzwerken nutzen
- Austausch mit anderen Betrieben und weiblichen Vorbildern ermöglichen
- Mentorinnen- und Mentorenprogramme unterstützen
Netzwerke stärken Orientierung und Motivation.
Gesamtfazit
Frauen im Handwerk brauchen keine Sonderrolle - sie brauchen Sichtbarkeit, echte Chancen und ein Umfeld, das ihre Stärken erkennt und fördert.
Das Handwerk der Zukunft ist vielfältig, offen und sichtbar - und Frauen sind ein zentraler Teil davon.
Das Projekt "Frauen im Handwerk"
Das Projekt "Frauen im Handwerk" ist aus der Zusammenarbeit der HWK mit der jungen Uniabsolventin Anna Schartel entstanden, die ihre Bachelorarbeit in Politikwissenschaft diesem Thema gewidmet und ihr Pflichtpraktikum bei der Handwerkskammer absolviert hat. Es ist Teil der strategischen Arbeit der HWK für Oberfranken zur Fachkräftesicherung und zur Stärkung von Chancengleichheit im Handwerk. Ziel ist es, bestehende Strukturen aufzubrechen und neue Wege in der Berufsorientierung und Fachkräftegewinnung zu gehen.
Denn: Der Fachkräftemangel im Handwerk braucht neue Lösungen – und Frauen sind ein zentraler Teil davon.
Bayreuth/Oberfranken, 1. April 2026