Rege Diskussion auf dem Podium über die Situation von Frauen im Handwerk (von links): Im Bild - Moderatorin Michaela Heimpel (HWK, Leiterin Kommunikation & Medien) und Schreinermeisterin Tanja Wölfel (Schreinerei Wölfel).
PodiumsdiskussionFrauen im Handwerk: Vernetzung und Sichtbarkeit als Weg
Es braucht Vernetzung. Es braucht Sichtbarkeit. Es braucht gemeinsame Initiativen. Dieses Fazit zogen die Handwerkerinnen und Handwerker bei einer von der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken organisierten Podiumsdiskussion im Schlössla in Kulmbach. Deren Thema: „Frauen im Handwerk: Wir müssen reden!“
Wie ist die Situation für Frauen im Handwerk? Wie viel Potenzial steckt in ihnen? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und was muss sich ändern, damit sie im Handwerk eine größere Rolle spielen? Diese Fragen diskutierten Susanne Oppermann, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) der Agentur für Bayreuth-Hof, Schreinermeisterin und Juniorchefin Tanja Wölfel von der gleichnamigen Schreinerei in Kleinhül (Landkreis Kulmbach) und Corinna Lange vom Team Ausbildungsberatung und Nachwuchsförderung der HWK für Oberfranken. Die Diskussion schließt einen Themenmonat ab, im April wurden daher das Projekt und ausschließlich Frauen auf den Social Media-Kanälen der HWK – vorwiegend Instagram – sichtbar gemacht.
„Der Themenmonat ist jedoch nicht das Ende unseres Projektes. Frauen sind für das Handwerk ein riesiges Potenzial. Wenn wir Handwerkerinnen als potenzielle Fachkräfte und Mitarbeiterinnen nicht in Betracht ziehen oder nicht ernst nehmen, verspielen wir im Handwerk eine große Chance“, betonte HWK-Hauptgeschäftsführer Reinhard Bauer, der die Diskussion eröffnete und begleitete. Und weiter: „Auch wenn wir als Zukunftsbranche wahrgenommen werden wollen, geht an mehr Frauen im Handwerk kein Weg vorbei. Im Jahr 2026 müssen alle Geschlechter die gleichen Chancen haben.“
Mehr zum Projekt "Frauen im Handwerk" finden Sie auf unserer Überblicksseite zum Projekt.
Die wichtigsten Aspekte aus der Diskussion
- Bessere Integration in Betriebe
Um Frauen besser ins Handwerk zu integrieren, müssten sich laut Susanne Oppermann zum einen die Betriebe besser aufstellen. „Dazu gehört auch, dass bei der Bewerbung von Berufsbildern die weibliche Berufsbezeichnung durchaus Sinn macht. So fühlen sich vor allem bei technischen Berufen auch Mädchen und Frauen angesprochen“, so Oppermann. Aber auch die Frauen selbst müssen sich ihrer Talente und Fähigkeiten stärker bewusstwerden und sich – zum Beispiel mit Praktika – im Handwerk ausprobieren. Wichtig sei ihrer Meinung nach hier aber auch die Elternansprache und eine moderne Berufsorientierung in den Schulen. - Klischees aufbrechen
Ganz wichtig für Corinna Lange: „Wir müssen unbedingt altbackene Klischees auflösen. Das ist nur etwas für Mädchen und das nur für Jungen, sollte es nicht mehr geben.“ Geschlechterspezifische Vorurteile müssten aber auch bei Betrieben abgebaut werden, sagt Tanja Wölfel: „Aus eigenen Erfahrungen habe ich Frauen als sehr motiviert und auch emotional in Betrieben erlebt. Das kann dem gesamten Team weiterhelfen.“ - Sichtbarkeit von weiblichen Vorbildern erhöhen
Um die Sichtbarkeit von weiblichen Vorbildern zu erhöhen und ihnen die Angst vor Diskriminierung und Ausgrenzung zu nehmen, sei mehr Mut von Seiten der Frauen gefordert – da waren sich die Diskussionsteilnehmerinnen einig. Hierbei sind Hilfestellungen in einem starken Netzwerk gerade beim Berufseinstieg nötig. Zudem müssten Betriebe auch nach außen deutlicher zeigen, dass sie gerne Frauen in ihren Betrieb integrieren. „Mit der Schaffung von heterogenen Teams, können vorhandene Rollenklischees leichter aufgebrochen werden.“ - Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Bei der Frage nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat Tanja Wölfel eine klare Meinung: „Frauen müssen eine deutlich aktivere Rolle einnehmen, auftretende Probleme direkt kommunizieren und die Offenheit im Team pflegen.“ Dazu sei aber, laut Susanne Oppermann, auch mehr Flexibilität von beiden Seiten, also Betrieb und Mitarbeiterin nötig. „Hier sollten sich beide über ihre Vorstellungen klar werden und diese notfalls auch verändern oder angleichen.“ Zudem seien auch die Politik und die Gesellschaft gefordert. Denn Vereinbarkeit gehe alle etwas an.
Zum Ende der Veranstaltung tauschten sich die Besucherinnen und Besucher individuell aus und stärkten so ihr Netzwerk. Erste Ergebnisse gab es auch schon: Ein Teil der Handwerkerinnen schloss sich bereits vor Ort zusammen. Gemeinsam mit der Handwerkskammer werden nun weitere Aktionen überlegt und durchgeführt. Darin sah auch Tanja Wölfel ein ungeheures Potenzial: „Unter Frauen herrscht weniger Konkurrenzdenken, es existiert eine größere Offenheit und die gegenseitige Kommunikation verläuft zuverlässiger.“ Gemeinsam sind sie mutige Frauen und machen starkes Handwerk.
Die wichtigsten Zahlen zu Frauen im Handwerk bundesweit
- Deutschlandweit sind nur 33 % aller Erwerbstätigen weiblich
- Im Durchschnitt wird im Handwerk jeder vierte Betrieb (24,9%) von einer Frau (mit)geführt
- 15,9 % der erfolgreichen Meisterprüfungen werden durch Frauen abgelegt
- Im Vergleich zu 2013 arbeiteten 2024 gut 7.000 Frauen mehr als Handwerksmeisterin, der Anteil unter den Meistern stieg von 13 auf 17 %
Ergebnisse aus der Umfrage der HWK (statistisch relevant):
- In Oberfranken ist fast jede fünfte Person in Ausbildung weiblich (18,6%). Der Anteil bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen lag im Jahr 2025 mit 19,2 % sogar etwas höher
- 45,5 % der weiblichen Auszubildenden denken aufgrund struktureller Hürden über einen Abbruch nach (Männer: 23,2%)
- 36,4 % der Frauen würden ihren handwerklichen Ausbildungsplatz nicht erneut wählen (Männer: 21,9%)
- Frauen fühlen sich viermal häufiger als ihre Kollegen nicht ernst genommen
- Jeder vierten Frau (25 %) fehlt für den Schritt in die Selbstständigkeit ein positives, weibliches Vorbild.
Zudem wurden aber auch folgende Potentiale erkannt:
- 49,2 % der Frauen im Handwerk wollen sich beruflich weiterbilden
- 30,2 % sind sicher entschlossen, den Meisterbrief zu machen
- Rund 37 % der Frauen können sich eine Selbstständigkeit vorstellen.
Eindrücke von der Podiumsdiskussion:
Kulmbach, 30. April 2026