Im Live-Talk (von links): Moderatorin Sandra Peter (IHK für Oberfranken Bayreuth), Prof. Dr.-Ing Stefan Breitling (Universität Bamberg), Architektin Marisia Conn (Architekturbüro Conn und Giersch), Michael Betz (Geschäftsführer Eberth Bau GmbH & Co.KG) und Ulrich Bauer-Bornemann (Geschäftsführer Steinrestaurierung Bauer-Bornemann)
TANDEM-Reihe "Wissenschaft & Praxis" 2026Nachhaltiges Bauen braucht Austausch zwischen Forschung und Praxis
Am Bauen im Bestand führt in Zukunft kein Weg vorbei, denn Ressourcen seien knapp und Bauraum begrenzt. Eine nachhaltige Zukunft und Klimaschutz seien daher ohne den Bestandsbau ebenfalls nicht möglich. Diese Punkte stellen sowohl der Präsident der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken, Matthias Graßmann, als auch Dr. Andreas Schönberger (IHK für Oberfranken Bayreuth) und Prof. Dr. Kai Fischbach (Präsident der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) zu Beginn der TANDEM-Veranstaltung in der Aula der Universität Bamberg heraus.
Wie kann der Bestandsbau diese Rolle in Zukunft einnehmen? Darüber tauschen sich Steinmetz- und Bildhauermeister Ulrich Bauer-Bornemann (Steinrestaurierung Bauer-Bornemann GmbH, Bamberg), Michael Betz (Geschäftsführer der Eberth Bau GmbH & Co.KG, Bamberg), Architektin Marisia Conn (Architektenbüro Conn und Giersch, Fürth) sowie Professor Dr.-Ing. Stefan Breitling (Professur für Bauforschung und Baugeschichte an der Universität Bamberg) in Impulsvorträgen sowie einer Podiumsdiskussion miteinander aus.
„Nachhaltiges Bauen bedeutet erst einmal, nicht zu bauen“, betont Michael Betz den Grundgedanken des Bestandsbaus im Unterschied zum Neubau. Bestehende Gebäude zu erhalten und zu sanieren, sei die einzige Lösung, wenn man bedenke, dass neuer Wohnraum nur eingeschränkt verfügbar sei. Auch Ulrich Bauer-Bornemann argumentiert ähnlich für die Denkmalpflege. Ziel seien keine aufwändigen Restaurationen: „Der kleinstmögliche Eingriff ist das Ideal“, so Bauer-Bornemann. Nur so könne die Bausubstanz erhalten und könnten Reparaturen ohne viel Chemie und entstehende Abfälle nachhaltig durchgeführt werden.
Wissensaustausch und digitale Dokumentation als wichtigste Faktoren
Die größte Herausforderung für den Bestandsbau sei laut den Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmern der Wissenstransfer und Austausch zwischen Forschung, Planung und handwerklicher Umsetzung in der Praxis. Architektin Marisia Conn bringt es auf den Punkt: „Die Bauwende braucht ein neues Wissensmanagement.“ Wie solch ein Wissensmanagement aussehen könnte – dafür formulieren die vier Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer unterschiedliche Lösungsansätze. Conn plädiert dafür, Betriebe möglichst früh in der Planungsphase einzubinden und Wissen aus allen Bereichen über digitale Datenbanken und Workshops zu teilen. Prof. Breitling stimmt dem zu, sieht aber zusätzlich eine Rückkopplung zwischen den Herstellern von Produkten und Handwerkern, die diese im Bau verwenden, als wichtig an. Denn historisch habe sich immer wieder gezeigt, dass Verfahren in der Praxis häufig anders funktionieren als ursprünglich vorgesehen – etwa beim Reinigen mit Säure, die den Verfall noch beschleunigt habe. Betz sieht auch bauliche Normen als Hindernis an, die durch das Handwerk sinnvoll eingeordnet und rückgespiegelt werden müssen: „Normen sollten und können nicht allein den Goldstandard für die handwerkliche Umsetzung darstellen.“
Um solch wichtiges Austauschwissen zu sammeln und für die Zukunft nutzbar zu machen, müssten auch Dokumentationen über Projekte im Bestandsbau vereinheitlicht und in digitalen Wissensdatenbanken zusammengefasst werden, auf die alle beteiligten Baupartner zugreifen können. Eine weitere Plattform zum gegenseitigen Austausch biete auch das Kooperationsprojekt InTraBau der HWK, der Universität Bamberg und der Hochschule Coburg. Es handelt sich dabei um eine Innovationscommunity, die Akteurinnen und Akteure des Bausektors miteinander vernetzt, um Themen wie Energieeffizienz, Ressourcenschonung und Klimaneutralität gemeinsam anzugehen.
Nachwuchs gewinnen durch Technologien und Praxisbezug
Neben neuen Austauschmöglichkeiten könne eine „Transformation des Bauens“ nur gelingen, wenn genügend qualifizierter Nachwuchs für den Bestandsbau gefunden werde, so die einhellige Meinung der Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Ein Weg, um neue Auszubildende und Studierende anzulocken, sei, neue technologische Möglichkeiten hervorzuheben. „Der Einsatz von Fünf-Achs-CNC-Sägen und Laserreinigungssystemen ist im Steinmetzhandwerk inzwischen genauso alltäglich wie die Arbeit mit traditionellen Werkzeugen wie Hammer und Meißel“, erklärt Bauer-Bornemann. Dies müsse auch in der Öffentlichkeit sichtbarer gemacht werden.
Gleichzeitig sei aber auch eine praktische Qualifizierung der akademischen Nachwuchskräfte nötig. Sowohl Conn als auch Bauer-Bornemann betonen, dass Studienabgängerinnen und -abgänger im Betrieb und im Architekturbüro zwei bis drei Jahre in die Praxis eingearbeitet werden müssten, bevor sie wirklich eingesetzt werden können. Um dem gegenzusteuern, bedürfe es mehr Praxisbezug – vor allem in Studiengängen. Längere Praktika seien eine wünschenswerte Lösung. „Am besten wäre es, wenn Studierende bei laufenden Bauprojekten direkt in der Praxis mitarbeiten“, stellt Conn heraus. Eine solche Möglichkeit – auch darin sind sich alle im Podium einig – eröffnet der neue duale Studiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“, den die HWK gemeinsam mit der Hochschule Coburg und Universität Bamberg entwickelt hat und der im kommenden Wintersemester startet. Dieser verbindet eine Ausbildung in einem handwerklichen Beruf mit aktuellem wissenschaftlichem Know-how über klimafreundliche Sanierungskonzepte, Baugeschichte und Bauplanung.
Eindrücke von der Veranstaltung:
Bamberg, 17. Juli 2026