Wieviel Gas kommt in der dritten Stufe des Notfallplans Gas noch bei den Handwerksbetrieben an?
istockphoto/Bet-Noire
Wieviel Gas kommt in der dritten Stufe des Notfallplans Gas noch bei den Handwerksbetrieben an?

Notfallplan Gas: Was passiert, wenn der Gas-Stopp greift?

Bayerischer Wirtschaftsminister Aiwanger ruft Betriebe zur Vorsorge auf - Ein Überblick über die Ausgangslage und Szenarien und Tipps

Oberfranken. Die Bundesregierung hat am 23. Juni die sogenannte "Alarmstufe" des Gasnotfallplans ausgerufen. Nachdem sich die Lage weiter verschärfen kann, hat Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger jetzt Betriebe und explizit auch die Handwerksunternehmen dazu aufgefordert, für eine mögliche Gasmangellage Vorsorge zu treffen und alles zu tun, um sich auf schlechter werdende Szenarien einzustellen.  Mit der Ausrufung der Alarmstufe, heißt es in einem entsprechenden Schreiben, gehe das klare Signal an alle Verbraucher und somit auch an Unternehmen, den Gasverbrauch aus Vorsorgegründen weiter zu reduzieren. 

Auf dieser Seite werden die grundlegenden Fragen rund um den Gastnotfallplan geklärt.

  • Was ist der Gasnotfallplan?
  • Welche rechtliche Grundlage liegt dabei zugrunde?
  • Welche Pflichten ergeben sich daraus für Handwerkerinnen und Handwerker?
  • Was kann in den Betrieben getan werden?
  • ...

Hinweise:

Die Bundesnetzagentur hat eine Hintergrundseite zum Notfallplan Gas eingerichtet, die bei Bedarf aktualisiert wird.
 Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat einen FAQ-Liste zum Notfallplan Gas zusammengestellt.

 Der Gasnotfallplan

Der Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland wurde auf Grundlage der "EU-Verordnung über Maßnahmen zur Gewährleistung der sicheren Gasversorgung (SoS-VO)" erstellt. Er unterscheidet drei Krisenstufen, die bei Inkrafttreten verschiedene Maßnahmen eröffnen:

  • Frühwarnstufe: Konkrete und ernst zu nehmende Hinweise auf eine Verschlechterung der Gasversorgungslage treten ein. Diese Stufe hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck Ende März 2022 ausgerufen.
  • Alarmstufe: Es existiert eine Störung der Gasversorgung oder eine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gas. Der Markt ist aber noch in der Lage, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Die Netzbetreiber regeln den Preis über Angebot und Nachfrage. Die Alarmstufe gilt seit 23. Juni 2022.
  • Notfallstufe: Es herrscht akuter Gasmangel. Eine Reduzierung oder Abschaltung der Gaszufuhr kann nach Vorgaben der Bundesnetzagentur erfolgen, die die hoheitliche Rolle eines sogenannten Bundeslastverteilers einnimmt. Ein besonderer Schutz gilt dabei Privathaushalten und sozialen Diensten aber auch beruflichen und gewerblichen Endverbrauchern, die Gas nur in geringen Mengen nutzen.

Die Frühwarnstufe und auch die Alarmstufe setzen auf "eigenverantwortliche Maßnahmen der Marktakteure".  Das bedeutet, dass auch mit der Ausrufung der Alarmstufe keine Pflichten für Handwerksbetriebe entstehen.

Allerdings ist es sinnvoll, dass alle Unternehmen sich nochmals grundlegend Gedanken machen, ob und gegebenenfalls wie sie Gas und Energie einsparen könnten. Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger setzt dabei ausdrücklich auch auf die Solidarität der Unternehmen im Freistaat. "Es muss uns allen bewusst sein, dass Einsparungen beim Gasverbrauch bei vielen Unternehmen, beispielsweise in der Glas- oder chemischen Industrie, nicht oder nur sehr begrenzt möglich sind. Umso wichtiger ist es, dass alle Unternehmen ihr Möglichstes tun, um Gas zu sparen und dadurch eventuell auch anderen Unternehmen helfen, ihren Geschäftsbetrieb über den Winter aufrecht zu erhalten. Ich appelliere hier an die Solidarität unserer Unternehmen, auf die auch in der Vergangenheit stets Verlass war."

 Was können Betriebe tun?

Die Möglichkeiten der Gaseinsparung sind in den Gewerken ebenso vielfältig wie unterschiedlich. Auch wenn kurzfristig meist nicht der "große Wurf" in Form eines Brennstoffwechsels möglich ist, gibt es aber verschiedenen kleinere Ansatzpunkte für Einsparungen in jedem Betrieb, die sich in der Summe lohnen können. Beispielsweise, so Andreas Kätzel, Beauftragter für Innovation und Technologie an der Handwerkskammer für Oberfranken, könnten die Arbeitsprozesse genauer unter die Lupe genommen werden. "Auch in der Summe vieler kleiner Maßnahmen lässt sich der Gasverbrauch senken."

Exemplarische Tipps:

  • Bäckereibetriebe können ggf. die Backreihenfolge und die Ofenbelegung genauer anschauen und zunächst Backwaren mit großer Hitze produzieren und am Ende die Produkte, die weniger Wärme benötigen. Eventuell besteht auch schon die Möglichkeit, die entstehende Abwärme zu nutzen (z.B. zur Erwärmung von Wasser).
  • Alternativ kann man Hüllflächen (von Anlagen, Maschinen, Leitungen etc.) dämmen, so dass die Abwärme minimiert wird. Langfristig kann es sich auch lohnen, die Wärme für Niedertemperaturprozesse über solarthermische Anwendungen bereitzustellen, um Gas zu sparen.
  • Jeder Kubikmeter Luft, der nicht beheizt werden muss, spart Gas. Durch eine konsequente Trennung und Abschottung von Produktions- und Logistikbereichen, die unterschiedliche Raumtemperaturen erfordern, gelingt dies.
  • In die gleiche Richtung zielt die konsequente Abdichtung der Gebäudehülle. Mit oft geringen Mitteln schafft man es, dass es nicht mehr durch Türen, Tore, Fenster oder Löcher in der Wand zieht.
  • Sinnvoll ist auch ein hydraulischer Abgleich des Heizungssystems, so dass jeder Heizkörper die für ihn optimale Warmwassermenge bekommt. Damit sind Energieeinsparungen von ca. sieben bis elf Prozent möglich. Auch programmierbare Heizkörperventile können dazu beitragen, dass nur dann geheizt wird, wenn auch Bedarf besteht.
  • Dort, wo Warmwasser gebraucht wird, wird es sehr oft weit weg von der eigentlichen Zapfstelle produziert und verliert auf dem Weg dorthin jede Menge Wärmeenergie. Ein elektrisch betriebenes Untertischgerät, das nur zu den Betriebszeiten läuft, kann diese Leistungsverluste reduzieren und schafft Unabhängigkeit vom Gas.
  • Trocknungsvorgänge von nasser Wäsche und feuchten Materialien sollten im Freien, in einem Wäschekeller oder auf dem Dachboden stattfinden. Damit kann man dem Effekt der "Verdunstungskälte" entgehen.

Betriebe finden bei der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz (MIE) beispielsweise einen "Leitfaden für Energieeffizienz im Handwerk", mit dem Einsparpotenziale ermittelt werden können. Auf dieser Website sind zudem konkrete Anleitungen und Best-Practice-Beispiele aus unterschiedlichen Gewerken aufgelistet.

 Was passiert bei Ausrufung der Notfallstufe?

Ist die Gasversorgung nicht mehr ausreichend und kein stabiler Betrieb gewährleistet, wird als dritte Stufe die Notfallstufe ausgerufen.  Dabei übernimmt die Bundesnetzagentur die Rolle des Bundeslastverteilers und kann per Verfügungen sehr weitreichend in den Markt eingreifen, um die Deckung des lebenswichtigen Bedarfs zu sichern.

Das kann für Verbraucher unter anderem Vorgaben über Zuteilung, Bezug und Verwendung von Gas sowie den Ausschluss vom Gasbezug bedeuten, oder etwa Anordnungen zu Reduktion des Gasverbrauchs, zur Abschaltung von Industriekunden, zur Substitution von Erdgas durch andere Energieträger und andere Maßnahmen beinhalten. Die Notfallstufe wird durch Verordnung der Bundesregierung ausgerufen und per Pressemitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums bekanntgegeben.

Nach dem Energiewirtschaftsgesetz (§ 53a EnWG) sollen in dieser Phase die nachfolgenden Verbrauchergruppen priorisiert behandelt werden:

  • Private Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen aus Gewerbe, Handel und Dienstleistung.
  • Grundlegende soziale Dienste wie Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste etc.
  • Fernwärmeanlagen, die die genannten Kundengruppen mit Wärme beliefern und keinen Brennstoffwechsel vornehmen können

Laut Aussagen der Bundesnetzagentur soll es im Rahmen dieser Notfallstufe jedoch nicht zu abstrakten Abschalte-Reihenfolgen kommen. Getroffen werden immer Einzelfallentscheidungen, die sich nach bestimmten Kriterien wie Gasspeicherfüllmengen, Witterungsbedingungen, europäische Bedarfe, erzielte Einsparerfolge etc. orientieren.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat der Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller verschiedene Schwellen genannt:

  • Generell: unter 10.000 Kilowattstunden Gasverbrauch pro Jahr -> von Beschränkungen ausgenommen
    • Gilt für private Haushalte und Endverbraucher, die geringe Mengen Gas für gewerbliche und berufliche Zwecke nutzen.
  • Gewerbebetriebe: unter 1,5 Mio. Kilowattstunden Gasverbrauch pro Jahr (entspricht "geringer Menge Gas") -> keine Beschränkungen zu erwarten
  • mehr als 1,5 Millionen Kilowattstunden Gasverbrauch pro Jahr -> im Fall einer Notfalllage ggf. eine erhebliche Reduzierung der Gaslieferungen oder ggf. sogar kompletter Stopp.  

 Ist das Handwerk privilegiert oder kann es eine Privilegierung erreichen?

Für das Handwerk bedeuten diese Schwellenwerte und Vorgaben: Handwerksbetriebe wie Bäckereien wären privilegiert. Und auch Betriebe, die unter der Grenze von 1,5 Mio.  Kilowattstunden Gas pro Jahr bleiben, wären wegen des geringen Bedarfs geschützt. Allerdings ist dieser Schutz nicht absolut!

Noch nicht final geklärt ist, wie die Deckung des lebenswichtigen Bedarfs konkret definiert wäre.

Stand: 22. Juli 2022



Ansprechpartner

für Fragen rund ums Energiesparen:

Andreas Kätzel, M.Eng.
Beauftragter für Innovation und Technologie

Tel. 0921 910-332
Fax 0921 910-45332
andreas.kaetzel--at--hwk-oberfranken.de



Download



Weitere Informationen

Konkrete Tipps zum Einsparen von Energie für viele Gewerke stellt die Mittelstansinitiative Energiewende und Klimaschutz auf ihrer Website zur Verfügung. Aktuelle Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Gewerken finden Sie hier.



Hir finden Sie aktuelle Informationen der Bundesnetzagentur zum Notfallplan Gas.

Das Bundssministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat einen FAQ-Liste zum Notfallplan Gas erarbeitet.